Eine Bühne für Margit Carstensen!

EMOTIONEN PUR BEIM GÖTZ GEORGE PREIS 2019​

Eine Reportage von Elsa Stappenbeck

Als Hospitantin berichte ich Ihnen von den Highlights des Abends. In diesem Jahr fiel der Tag der Verleihung des zweiten GÖTZ GEORGE PREISES auf den 19. August. An diesem warmen Sommertag versammelten sich gegen 18:30 Uhr erneut über zweihundert Gäste in der ASTOR Film Lounge, voller Erwartung, wer wohl dieses Mal den Preis entgegen nehmen darf.

Preisträgerin Margit Carstensen
ASTOR Film Lounge

Die ASTOR Film Lounge war mir schon zuvor bekannt. Ein Kino mit einer besonderen Atmosphäre und wunderbar großen, bequemen Sesseln, in denen man sich während der Veranstaltung entspannen kann. Jedoch war ich im Vorjahr nicht auf der Veranstaltung gewesen und hatte bisher keinen Blick hinter die Kulissen werfen können. Das änderte sich in diesem Jahr, da ich die Möglichkeit erhielt, der Stiftung bei den Vorbereitungen zur Veranstaltung zu helfen.

Dass es viel Arbeit bedeutet, solch eine Veranstaltung zu stemmen, stellte ich gleich fest.  Ich half drei Tage vor der Verleihung dabei, die Gästeliste fertig zu stellen und kleine, weitere Aufgaben zu erledigen. Von Tag zu Tag stieg die Aufregung. Wie groß der Druck für die Vorstandsmitglieder der Götz George Stiftung Marika George, Tanja George und Christiane Waldbauer jedoch war, mochte ich mir gar nicht ausmalen – schließlich wollen die drei Frauen nicht nur den Gästen einen schönen Abend bescheren, sondern gleichzeitig einen ganz besonderen Abend zu Ehren ihres Ehemannes, Vaters und guten Freundes Götz George gestalten. Zwar wurde jedes Detail in Ablaufplänen festgehalten, doch natürlich ist man vor unvorhergesehenen Dingen und Ereignissen niemals sicher – die Regenvorhersage am Vortag ist nur ein kleines Beispiel dafür, was kurzfristig bedacht werden musste.

Während die meisten Gäste erst am Abend eintrafen, begann der Tag für die Veranstalterinnen schon vor 10 Uhr. Nach und nach veränderte sich die Atmosphäre des Kinos. Pläne wurden durchgegangen und aktualisiert, wir sprachen uns detailliert ab und spätestens als die erste Bambuspflanze fiel und schnell eine Lösung gefunden werden musste, um die Pflanzen zu beschweren, verging die Zeit wie im Flug und die Anspannung wurde immer größer – aber dann war es endlich so weit: Die ersten Gäste trafen ein, der Abend konnte starten.

In diesem Jahr waren unter den Gästen u.a. der Präsident der Deutschen Filmakademie Ulrich Matthes, die Schauspielerinnen und Schauspieler Claudia Michelsen, Katja Flint, Ina Weisse, Gitta Schweighöfer, Gudrun Landgrebe, Eleonore Weisgerber, Therese Hämer, Adriana Altaras und Angela Roy, Klaus J. Behrendt, Wanja Mues, Jürgen Vogel, Matthias Koeberlin, Muriel Baumeister, Produzent Nico Hofmann sowie die Regisseure Matti Geschonneck, Petra K. Wagner, Hajo Gies und Roland Suso Richter.

All diese wunderbaren Gäste wurden wie im Vorjahr von Moderator Knut Elstermann unterhaltsam und souverän durch den Abend geführt.

Moderator Knut Elstermann
Gustav Peter Wöhler und Knut Elstermann
Mirko Michalzik und Gustav Peter Wöhler

Die Verleihung startete mit einem Auftritt des Schauspielers und Sängers Gustav Peter Wöhler. Begleitet wurde er von Mirko Michalzik auf der Gitarre. Nach einer Vorstellung von Marika George und einer Erinnerung an die Preisträgerin des letzten Jahres, Karin Baal, die in diesem Jahr leider nicht zu Gast sein konnte, betrat Ulrich Matthes die Bühne. Gleich zu Beginn seiner Begrüßungsworte machte er auf die Problematik der Unterbeschäftigung vieler, ältere SchauspielerInnen aufmerksam: „Hier sitzen ja auch ein paar Regisseure. Freunde, denkt doch mal an die ältere Generation. Es gibt wunderbare Schauspielerinnen und Schauspieler, die man da mal wieder ein bisschen mehr ins Rampenlicht stellen könnte!“ Es folgten in seiner Rede einige versteckte Hinweise, um wen es sich bei der Preisträgerin in diesem Jahr handeln könnte. Einer davon: Sie habe schon einmal seine Mutter gespielt. Ein kurzer Einwand aus dem Publikum von Jürgen Vogel: „Meine auch.“ – die Spannung stieg!

Ulrich Matthes
Adriana Altaras, Knut Elstermann, Angela Roy

Im Anschluss wurden Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Adriana Altaras und Schauspielerin und Sängerin Angela Roy auf die Bühne gebeten, die Einblick in die Realität der  Arbeitsbedingungen darstellender Künstler gaben. Es wurde noch einmal deutlich, dass der GÖTZ GEORGE PREIS mit seiner Dotation von 10.000 Euro eine große Unterstützung darstellen kann, gerade für die SchauspielerInnen, die nicht mehr aktiv arbeiten oder eine längere Zeit ohne Job sind. Viel zu häufig gerät in Vergessenheit, dass nur die Minderheit wirklich genug Aufträge bekommt, um von dem Geld ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Angela Roy betonte nochmals: „.. das, was Uli Matthes gesagt hat, dass man sich trauen muss, ältere Kollegen zu besetzen. Es gibt viel zu erzählen. Es gibt viele Rollen, also es gibt überhaupt keinen Grund, warum wir keine erwachsenen Geschichten erzählen sollten.“

Dr. Frauke Gerlach vom Grimme Institut betrat etwas später die Bühne und kündigte an, dass die thematisierte Altersarmut auch Inhalt der Podiumsdiskussion sein würde, die unter dem Titel „Ruhm statt Rente“ bereits am 29. August 2019 in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen stattfand. Veranstaltet wurde sie vom Grimme-Institut gemeinsam mit der GÖTZ GEORGE STIFTUNG und der Deutschen Kinemathek.

Hier finden Sie den Link zum Bericht: Ruhm statt Rente

Dr. Frauke Gerlach und Knut Elstermann
Knut Elstermann und Zejhun Demirov

Etwas später wurde dem Publikum der überaus sympathische Schauspieler Zejhun Demirov vorgestellt, der FIRST STEPS Gewinner des Vorjahres. Für ihn hat sich in seinem Leben eine Menge durch die Vergabe des Preises verändert.

Im Anschluss an einen weiteren, gefühlvollen Song
„ She`s Always a Woman“, vorgetragen von Gustav Peter Wöhler und Mirko Michalzik, der sich vor allem an die Frauenwelt richtete, folgte der Überraschungsauftritt von Regisseur Leander Haußmann, der die Laudatio für die Preisträgerin hielt: Margit Carstensen!

Laudator Leander Haußmann

Gleich zu Anfang seiner Laudatio hob er zwei bemerkenswerte Eigenschaften der Preisträgerin hervor: Sie sei wahnsinnig patent und eine Schauspielerin, mit der man Pferde stehlen könne. „Wenn Margit eine Figur spielt, dann steht sie dort wie eine Birke im Wind… sie biegt sich bin zum Boden hin, aber sie wird nicht entwurzelt, weil sie in diesem Figurenaufbau wirklich tiefe Wurzeln in den Bühnenboden hineinwachsen lässt.“ Nachdem Haußmann wunderbare Anekdoten aus ihrer gemeinsamen Arbeit verriet, betonte er, dass die Hauptaufgabe des Schauspielers die Verteidigung des Charakters sei, den er spiele. „Und das beherrscht Du einfach erstklassig und das ist irgendwie zum Niederknien!“

Frau Carstensen wirkte auf mich sehr freundlich und die Sympathie zu ihr wuchs noch mehr, als Leander Haußmann betonte, dass Margit Carstensen nur ungern im Rampenlicht steht. Sich selbst auf der Leinwand zu sehen und große Auftritte waren ihr stets unangenehm. Voller Hochachtung endet Leander Haußmann seine berührende Laudatio mit den Worten „Das Große an Dir Margit ist, dass Du ein Star bist eigentlich – und ich sage eigentlich, weil Du eben doch kein Interesse daran hast, und das ist das, was Dich so groß macht. Und deshalb haben wir Dich aus dem hohen Norden hierher geholt, um Dir in diesem erlauchten Kreise zuzurufen: Margit, wir lieben Dich! Nimm den Preis und das Geld und lass Dich feiern!“

Berührend endete der dann folgende Einspieler mit einer Filmsequenz aus „Scherbentanz“. In der Rolle der geistig verwirrten Mutter fragt Margit Carstensen ihren erwachsenen Filmsohn Jürgen Vogel, wer sie eigentlich sei. Woraufhin er ihr antwortet: „Du bist ne Schauspielerin – eine der größten der Welt.“ – ein Moment, der Gänsehaut erzeugte.

Leander Haußmann, Margit Carstensen, Knut Elstermann
Marika George, Leander Haußmann, Margit Carstensen, Tanja George, Ulrich Matthes, Christiane Waldbauer

Der heutigen Generation ist der Name der 79-jährigen Theater- und Filmschauspielerin nicht unbedingt gleich ein Begriff und auch ich musste mich erst einmal vorab informieren. Mit großer Begeisterung sah ich ihren Film „Martha“, welchen die Schauspielerin selbst als ihren „wichtigsten Film“ bezeichnet. Margit Carstensen hat meiner Meinung nach eine große Präsenz, wirkt sehr stark, bleibt einem durch ihr markantes Wesen im Gedächtnis und gerade im Kurz-Portrait, das während der Veranstaltung gezeigt wurde, wird ihre große Wandelbarkeit deutlich. Man sah die Schauspielerin sehr häufig in extremen Rollen und jedes Mal wird deutlich, dass Frau Carstensen eine ganz besondere Erscheinung ist.

Begründung der Jury: „Margit Carstensen ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Theater-und Filmlandschaft, einzigartig in ihrem intensiven, bedingungslosen Spiel, ihrer grenzüberschreitenden Darstellung und in ihrer Konzentration, die das Publikum zum Zuhören zwingt und ausnahmslos in ihren Bann zieht. Ihre Erscheinung, ihre Stimme und ihre Persönlichkeit lassen sie ohne Mühe die großen Frauengestalten im Film wie auf der Bühne virtuos gestalten. Mit ihrer Kunst widerspricht sie dem glattgebügelten, klischeebehafteten Bühnen-und Filmbetrieb, dem Vorhersehbaren und dem Bedeutungslosen. Und deshalb brauchen wir dringend solche Schauspielerinnen wie Margit Carstensen!

Marika George, Leander Haußmann, Margit Carstensen, Tanja George
Preisträgerin Margit Carstensen
Jürgen Vogel, Margit Carstensen, Knut Elstermann

Margit Carstensen nahm den Preis von der Künstlerin Tanja George entgegen, die ihn entworfen und geschaffen hat. Ihre Überraschung und die Freude über den Preis waren Margit Carstensen deutlich anzusehen. Kollege Jürgen Vogel übergab ihr einen großen Blumenstrauß und am Ende der Preisverleihung wurde der besondere Moment in vielen Bildern festgehalten. Besonders schön war es, zu sehen, wie freundlich und familiär die Stimmung unter allen Beteiligten war.

Diese emotionale Stimmung war den ganzen Abend über zu spüren. Denn trotz der Menge an unterschiedlichen Charakteren waren schließlich alle aus dem gleichen Grund erschienen: Um in positiver und lockerer Stimmung des wunderbaren Götz George zu gedenken und eine großartige Schauspielerin für ihr Werk zu ehren. Dies ist in diesem Jahr wieder absolut gelungen. Viele Gäste blieben noch lange nach der Verleihung und tauschten sich bei Getränken, Curry-Wurst, leckeren Snacks und Eis untereinander aus, feierten und genossen die angenehme Atmosphäre. Ein tolles Wiedersehen und Miteinander war entstanden, das Götz George sicher gefallen hätte. Zwar physisch nicht anwesend, schien er an diesem Abend trotzdem allen sehr nah zu sein.

Weitere Stimmen von Gästen zum Abend:

„Der Götz George Preis wurde mit sehr viel Liebe für einen geliebten Menschen entwickelt. Er ist ein wesentlicher Beitrag und Impuls für die gesamte deutschsprachige Theater- und Filmbranche. Noch besser könnte Götz Georges Liebe zur Schauspielkunst nicht weiter leben. Auch die Preisverleihung selbst war eine Liebeserklärung. Der Abend in der ASTOR Film Lounge war persönlich, authentisch, stimmungsvoll und er war auch sehr unterhaltsam, ohne auch nur eine Sekunde die wichtigen Anliegen der Götz George Stiftung aus dem Auge zu verlieren. Besser hätte man Götz Georges Herzenswunsch nicht erfüllen können und es wäre zu wünschen, dass Dank dieses Preises wieder mehr Drehbücher und Filme mit älteren Menschen in tragenden Rollen entstehen werden.“
Ulrike Schweiger
Österreichische Dramaturgin, Drehbuchautorin und Regisseurin
„Dieser Abend war für uns besonders anders, weil wir als „reine“ Theaterschauspieler nach 30 Jahren wieder in eine Welt gerieten, die uns sofort wieder vertraut war. Danke dafür und für die vielen berührenden Momente des Abends und es tut gut zu wissen, das was mal war doch Bestand hat in unseren Herzen!“
Peter & Hellena Bause
Schauspieler
„Es war ein wunderbarer Abend. Ehrliche Worte, berührend, wunderbare Reden, super Konzept. Danke.“
Gitta Schweighöfer
Schauspielerin

Copyright der Fotos:  Florian Liedel

GÖTZ GEORGE PREIS