RUHM STATT RENTE

Die Götz George Stiftung, das Grimme-Institut und die Deutsche Kinemathek haben in einer gemeinsamen Veranstaltung aus der Reihe „Grimme trifft die Branche“ die Arbeitsbedingungen und die oft damit verbundene Altersarmut im Bereich Schauspiel thematisiert, um auf diese Problematik aufmerksam zu machen.

Michael Söndermann, Tanja George, Nina Haun, Eleonore Weisgerber, Andreas Bareiss, Marika George, Heinrich Schafmeister,

Dr. Rainer Rother, Dr. Frauke Gerlach

Den Einstieg bildete eine empirische Erhebung von Kulturwirtschaftsforscher Michael Söndermann. Sie zeigte deutlich den Zusammenhang zwischen dem Beruf des Schauspielers und der drohenden Altersarmut. Söndermann belegte anhand amtlicher Statistiken die Ursachen dieser Entwicklung: eine große Inkompatibilität mit den Sozialgesetzen und Sicherungssystemen sowie ein enormer Verfall der Gagen, eine Stagnation der Gehälter bei gleichzeitiger Steigerung der erfassten Schauspieler und eine Berufswirklichkeit, die durch ihre vielfältigen Beschäftigungsmodelle schwer rechtlich einzuordnen bzw. amtlich zu handhaben ist.

Hier finden Sie den Link zur Studie: Die soziale Situation von Schauspielerinnen und Schauspielern

Michael Söndermann

Söndermanns Schlussfolgerung: Schauspieler*innen als Vertreter von Berufen mit hochkomplexen Tätigkeiten würden annähernd zur Hälfte unter „atypischen“ Beschäftigungsformen subsumiert: „Der Tätigkeits- und Erwerbstyp wird gesellschaftlich und politisch nicht ernstgenommen“

Klaudia Wick, Eleonore Weisgerber, Nina Haun, Andreas Bareiss, Marika George

Dies bestätigte auch die im ersten Teil der Gesprächsrunde sehr engagierte Schauspielerin Eleonore Weisgerber. Sie beklagte, dass sie trotz guter Verdienste und vieler Beschäftigungszeiten nicht einmal 900  Euro aus der Deutschen Rentenversicherung beziehe. Der Vorschlag der charmant-energischen 72- Jährigen: „Ziel muss sein, den gesamten Jahresverdienst zu summieren und darauf Sozialabgaben zu zahlen. Davon würden alle profitieren, wir Schauspieler, aber auch der Staat und letztlich die Steuerzahler, weil Altersarmut nicht mehr alimentiert werden müsste.“

Damit aber zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten im Laufe eines Arbeitslebens zusammenkommen – gerade auch für Ältere – die dann eine ausreichende Rente garantieren würden, bedarf es auch der Hilfe der Film-und Fernsehmacher und der damit verbundenen Branchen.

Casting Director Nina Haun wies auf ihre Einflussmöglichkeiten hin, in ihrem Metier etwas für ältere Protagonisten zu tun. „ Wir besetzen vorliegende Drehbücher, wir können nicht neue Charaktere etablieren.“ Ein weiterer wichtiger Aspekt: „ Es ist gerade für ältere Kollegen wahnsinnig schwer, sich in den modernen Datenbanken zu präsentieren, wo  gefordert wird, zack, ein aktuelles Foto oder eine Vita tagesaktuell, am besten noch einen aktuellen Filmausschnitt. Das ist ein älterer Schauspieler erstens einfach nicht gewohnt, zweitens dürfte er davon ausgehen, dass man ihn kennt.“ 

„Die Strukturen sind das Problem“, bekräftigte Filmproduzent Andreas Bareiss. Der enorme Kostendruck in der Branche führe etwa dazu, dass „aus Drehbüchern ganz viele kleine Rollen, die mit Älteren besetzt werden könnten, einfach gestrichen“ würden.„Wenn man mit dem ZDF spricht, sagen sie, wir brauchen jüngeres Publikum. Sie wollen jüngere Geschichten. Wir haben früher viel mehr ältere Schauspieler besetzt.“

Marika George von der Götz-George-Stiftung rief dazu auf, ältere Schauspieler*innen bei ihrer sozialen Absicherung zu unterstützen und sie zugleich wieder mehr ins Berufsleben und in ihr kulturelles Umfeld zu integrieren, um ihre Kreativität zu fördern und zu nutzen.

Klaudia Wick, Heinrich Schafmeister, Notker Schweikhardt, Dr. Frauke Gerlach

Im zweiten Panel nahmen Dr. Frauke Gerlach (Grimme Institut), Notker Schweikhardt (Sprecher für Kulturpolitik und Kreativ-Wirtschaft in der Fraktion Bündnis 90 / Die GRÜNEN) und Heinrich Schafmeister (BFFS) auf dem Podium Platz.

Grimme Direktorin Dr. Frauke Gerlach betonte: „Der Zeitpunkt ist günstig, hier etwas zu bewegen.“ Sie glaube, dass die rentenrechtlichen Besonderheiten des Schauspielberufes längst zum Normalfall geworden sind. „ Es ist eine soziale Frage, die uns alle angeht.“

Heinrich Schafmeister war es, der noch einmal die soziale Situation der darstellenden Künstler umriss. Die Einführung von Hartz IV durch die damalige Regierung von SPD und GRÜNEN bedeutete für den Schauspielerstand eine Landung auf dem Betonboden. Die soziale Absicherung und somit auch die Alterssicherung wurden „zahnlückenartig“. Hinzu kommt die problematische Einkommenssituation der Künstler „68 Prozent verdienen weniger als 30 000 Euro per anno“, so der BFFS Vorstand.

Auch ein neu überarbeitetes Gesetz zur „Unständigkeit“ stiftet seit 2019 mehr Verwirrung, als dass es zur Lösung des Problems beiträgt. Es sind ausgerechnet die kleinen, berufsmäßig unständigen Beschäftigungsverhältnisse (unter einer Woche), die die erhöhten Abgaben zu zahlen haben und dabei keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I erwirtschaften können.

Heinrich Schafmeister bestätigte die atypische Beschäftigung in der Branche als typisch. Für ihn wäre die Bürgerversicherung ein erster Schritt, um soziale Härten abzumildern.

Notker Schweikhardt meint dazu: „Wenn die Leute während ihres Berufslebens gut verdienen würden, gäbe es das Problem in dieser Schärfe gar nicht“. Es gehe immer um Emotionen, so Schweikhardt, Emotionen überzeugen und bewegen Politiker.

Aus dem Publikum war zu hören, dass wirtschaftliche Interessen Politiker wohl wesentlich schneller in Bewegung geraten lassen.

„Es muss sich systemisch etwas ändern“, fasste Moderatorin Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek zusammen und zeigte sich hoffungsvoll, dass „wir nicht in fünf Jahren wieder hier sitzen werden, um noch immer die gleiche Situation zu beklagen“.

Yvonne Brüning / Götz George Stiftung